Warum braucht Musik Spannung und Auflösung?
· 6 Minuten Lesezeit · Von Ulli Jünemann
Warum wechseln wir in einem Musikstück überhaupt die Akkorde?
Wir könnten eine Melodie spielen und darunter immer denselben Klang stehen lassen. Das kann durchaus schön sein. Aber irgendwann fehlt etwas: Bewegung.
Ein großer Teil unserer westlichen Musik lebt davon, dass wir einen harmonischen Ausgangspunkt haben, diesen verlassen, Spannung aufbauen und schließlich wieder zurückkehren.
Ruhe → Bewegung → Spannung → Auflösung
Oder:
Tension → Release
Doch dieses Denken in Akkorden und Kadenzen war nicht immer selbstverständlich.
Am Anfang stand die Melodie
Der gregorianische Choral des Mittelalters war ursprünglich einstimmig und unbegleitet. Es gab also noch keine Akkordfolge unter einer Melodie, wie wir sie heute kennen.
Teilweise wurden einzelne Silben über längere melodische Tonfolgen gesungen – sogenannte Melismen.
Erst mit der Entwicklung der Mehrstimmigkeit stellte sich zunehmend die Frage: Was passiert, wenn mehrere unterschiedliche Töne gleichzeitig erklingen? Welche Zusammenklänge wirken stabil, welche erzeugen Bewegung und welche verlangen nach einer Auflösung?
Über viele Jahrhunderte entwickelten sich daraus unsere Vorstellungen von Tonarten, Akkorden, harmonischen Funktionen und Kadenzen.
Und wenn wir verstehen wollen, warum bestimmte Töne besonders eng miteinander verbunden erscheinen, lohnt sich zunächst ein Blick auf ein faszinierendes akustisches Phänomen.
Ein Ton ist eigentlich viele Töne
Wenn wir auf dem Saxophon, Klavier oder einem anderen Instrument einen Ton spielen, hören wir in der Regel nicht nur eine einzige Frequenz.
Über dem Grundton schwingen weitere Frequenzen mit: die Obertöne.
Nehmen wir ein C als Grundton. Die Naturtonreihe beginnt – vereinfacht auf Tonhöhen übertragen – folgendermaßen:
- 1C
- 2C
- 3G
- 4C
- 5E
- 6G
- 7B♭
- 8C
- 9D
- 10E
- 11≈ F/F♯
- 12G
- 13≈ A♭
- 14B♭
- 15B
- 16C
- Gold markiert: Teiltöne des C-Dur-Dreiklangs (C – E – G).
- Rahmen markiert zusätzlich: die Naturseptime B♭ – mit C – E – G ergibt sich die Struktur von C7.
- ≈ kennzeichnet Teiltöne, die von der gleichstufig temperierten Stimmung abweichen (7., 11. und 13. Naturton).
Je höher wir in der Naturtonreihe gehen, desto dichter wird das Tonmaterial.
Wichtig: Einige dieser Naturtöne entsprechen nicht exakt den Tönen unseres modernen gleichstufig temperierten Tonsystems. Die Naturtonreihe ist also nicht einfach unsere heutige Tonleiter in einem anderen Gewand.
Aber sie zeigt uns etwas sehr Interessantes.
Der Dur-Dreiklang steckt bereits im Klang
Schauen wir zunächst nur auf die ersten Naturtöne:
C – C – G – C – E – G
Darin finden wir:
C – E – G
Und genau das ist der C-Dur-Dreiklang.
Grundton, Quinte und große Terz tauchen also sehr früh in der Obertonstruktur eines einzigen Grundtons auf.
Deshalb ist es interessant, einen Durakkord einmal nicht als drei auswendig gelernte Notennamen zu betrachten, sondern als eine Klangstruktur, deren wichtigste Bestandteile bereits eng mit der Naturtonreihe verbunden sind.
Und dann erscheint die Septime
Gehen wir einen Naturton weiter, erscheint der siebte Teilton.
Aus den Tönen
C – E – G – B♭
ergibt sich – mit einer wichtigen Einschränkung bei der exakten Stimmung des B♭ – die Struktur eines Dominantseptakkords:
C7
Grundton – Terz – Quinte – kleine Septime.
Das ist für unser weiteres Verständnis besonders interessant. Denn der Dominantseptakkord wird später einer der wichtigsten Spannungsträger unserer Harmonik.
Je höher wir gehen, desto mehr Tonmaterial entsteht
Mit den nächsten Naturtönen kommen weitere Tonstufen hinzu:
D – E – … – G – … – B♭ – B – C
Das Klangspektrum wird immer reicher.
Wir sollten daraus nicht ableiten, dass unsere heutige Durtonleiter einfach direkt aus der Naturtonreihe entstanden ist. Historisch und akustisch ist die Entwicklung unseres Tonsystems komplexer.
Aber die Naturtonreihe macht etwas Grundsätzliches hör- und sichtbar:
Bestimmte Töne besitzen eine besonders enge akustische Beziehung zum Grundton.
Und genau mit solchen Beziehungen arbeitet Harmonie.
Aber warum brauchen wir dann andere Akkorde?
Wenn C-Dur so stabil klingt, könnten wir doch einfach dort bleiben.
Genau hier beginnt Musik interessant zu werden.
Stabilität allein erzeugt noch keine Entwicklung.
Bleiben wir immer am selben harmonischen Ort, fehlt irgendwann das Gefühl von Bewegung. Erst wenn wir diesen Ort verlassen, entsteht eine Erwartung.
Wir brauchen also einen Gegenpol zur Ruhe.
Wir entfernen uns.
Wir erzeugen Spannung.
Und wir kehren zurück.
„Die Rückkehr bekommt ihre Wirkung dadurch, dass wir vorher weggegangen sind.“
Das ist Tension and Release.
Man kann es mit einer Geschichte vergleichen: Wenn nichts passiert, gibt es keinen Konflikt – und damit auch nichts, was sich am Ende auflösen könnte.
Aus Klang wird harmonische Bewegung
Genau deshalb reicht es beim Lernen von Harmonie nicht, Akkordsymbole auswendig zu kennen.
Wir wollen anfangen zu hören:
- Wo ist Ruhe?
- Wann entfernen wir uns davon?
- Wo nimmt die Spannung zu?
- Und wann löst sie sich wieder auf?
Erst dann bekommen Begriffe wie Tonika, Subdominante und Dominante einen musikalischen Sinn.
Und damit sind wir bei unserem nächsten Schritt.
Wir beginnen mit der einfachsten Bewegung:
I – V – I
Dann erweitern wir sie:
IV – V – I
und gelangen schließlich zu einer der wichtigsten harmonischen Bewegungen im Jazz:
II – V – I
Dort können wir dann ganz genau untersuchen, wie aus Akkorden Bewegung entsteht und welche einzelnen Töne für Spannung und Auflösung verantwortlich sind.
Wie Akkorde durch Terzschichtung aus der Tonleiter entstehen, erklärt der Beitrag Wie entstehen Akkorde? Von der Tonleiter zur Jazz-Harmonik.
Über den Autor
Ulli Jünemann ist Jazzsaxophonist, Komponist und Dipl.-Musiklehrer (B.A.) mit klassischem Saxophon. Er hat einen Master in Jazzsaxophon (Koninklijk Conservatorium Den Haag) und unterrichtet seit über 30 Jahren Saxophon sowie Improvisation, Combo, Gehörbildung und Musiktheorie – in Mainz, Darmstadt und online.
Fragen zum Beitrag?
Schreib mir kurz per WhatsApp – ich antworte in der Regel innerhalb von 24 Stunden.
