Die sieben Akkorde der Durtonleiter – und warum die II–V–I im Jazz so wichtig ist
· 5 Minuten Lesezeit · Von Ulli Jünemann
Dieser Beitrag baut auf dem Grundlagenartikel Wie entstehen Akkorde? Von der Tonleiter zur Jazz-Harmonik auf.
In der Durtonleiter entstehen auf den sieben Stufen unterschiedliche Akkorde. Im Jazz arbeiten wir häufig mit Vierklängen: Wir erweitern die Dreiklänge um eine weitere Terz und erhalten dadurch die Septime.
In C-Dur entstehen:
- I – C–E–G–B → Cmaj7
- II – D–F–A–C → Dm7
- III – E–G–B–D → Em7
- IV – F–A–C–E → Fmaj7
- V – G–B–D–F → G7
- VI – A–C–E–G → Am7
- VII – B–D–F–A → Bm7♭5
Entscheidend ist aber nicht, diese Akkorde möglichst schnell spielen zu können. Es geht zunächst um ihren Klang.
Wer Zugang zu einem Klavier oder Keyboard hat, sollte die Akkorde dort spielen und bewusst hören. Auf einem Blasinstrument können wir die Akkordtöne nacheinander spielen – oder wir können sie singen.
Das Singen ist besonders wertvoll, weil wir uns dadurch mit dem Klang beschäftigen, bevor die Finger auf dem Instrument übernehmen.
Gleichzeitig sollten wir anfangen, uns drei Dinge einzuprägen:
- Auf welcher Stufe steht welcher Akkord?
- Aus welchen Tönen besteht der Akkord?
- Welche Funktion übernimmt der Akkord innerhalb der Tonart?
Jeder Akkordton sollte dabei auch benannt werden können. Bei Dm7 beispielsweise:
D – F – A – C.
Mit der Zeit geht es nicht mehr nur darum, Akkordsymbole zu erkennen. Wir wollen verstehen und hören, welche Rolle ein Akkord innerhalb einer Tonart übernimmt und welche Akkorde miteinander verwandt sind oder sich später gegenseitig ersetzen können.
„Es geht nicht um Geschwindigkeit. Es geht um den Klang.“
Die Funktion der Akkorde: Spannung und Auflösung
Akkorde haben innerhalb einer Tonart unterschiedliche Funktionen. Diese sollten wir nicht nur theoretisch kennen, sondern vor allem hören.
Ausgangspunkt ist die Tonika. Sie vermittelt Ruhe und Stabilität – sie ist unser harmonisches Zuhause.
I–V–I: Spannung und Auflösung
Beginnen wir mit der elementaren Verbindung von Tonika und Dominante.
In C-Dur:
C → G → C
I → V → I
Die Tonika C vermittelt zunächst Ruhe. Mit G bewegen wir uns zur Dominante und erzeugen Spannung. Die Rückkehr von G nach C löst diese Spannung wieder auf.
Ruhe → Spannung → Auflösung
Tension → Release
Damit haben wir eines der wichtigsten Prinzipien tonaler Harmonik.
IV–V–I: Die Subdominante bereitet die Dominante vor
Nun stellen wir vor die Dominante einen weiteren Akkord: die Subdominante.
In C-Dur:
F → G → C
IV → V → I
Der F-Dur-Akkord führt uns aus der Ruhe der Tonika heraus und bereitet die Dominante G vor. Die stärkste Spannung entsteht auf der Dominante, bevor sie sich anschließend wieder nach C auflöst.
Vorbereitung → Spannung → Auflösung
II–V–I: Die zentrale Verbindung im Jazz
Im Jazz begegnet uns anstelle der klassischen IV–V–I-Verbindung sehr häufig die II–V–I-Verbindung.
In unserem Beispiel verändern wir die Bewegung, indem wir den Grundton F der IV. Stufe durch D, den Grundton der II. Stufe, ersetzen.
Aus:
F → G → C
wird:
D → G → C
Mit den entsprechenden Vierklängen:
Dm7 → G7 → Cmaj7
II → V → I
Dadurch entsteht eine besonders starke Bewegung der Grundtöne.
Von D nach G bewegt sich der Grundton eine Quinte abwärts. Von G nach C folgt unmittelbar noch einmal eine Quinte abwärts:
D → G → C
Quinte abwärts → Quinte abwärts
Diese aufeinanderfolgenden Quintbewegungen geben der II–V–I-Verbindung eine besonders klare harmonische Zielrichtung. Genau deshalb gehört die II–V–I zu den zentralen Akkordverbindungen im Jazz.
Warum löst sich die Dominante so deutlich auf?
Schauen wir jetzt nicht nur auf die Grundtöne, sondern in die Akkorde hinein.
Beim Übergang
G7 → Cmaj7
finden wir zwei besonders wichtige Bewegungen:
F → E
Septime von G7 → Terz von Cmaj7
und:
B → C
Terz von G7 → Grundton von Cmaj7
Beide Stimmen bewegen sich jeweils nur um einen Halbton.
Gerade diese kleinen Bewegungen machen die Auflösung der Dominante zur Tonika besonders deutlich hörbar.
Der Schüler sollte diese Verbindungen deshalb nicht nur analysieren. Spiele die Akkorde am Klavier, spiele die einzelnen Akkordtöne auf deinem Instrument und singe die Bewegungen.
Es geht zunächst nicht darum, möglichst schnell durch eine II–V–I-Verbindung spielen zu können.
Es geht darum, zu hören, wie Spannung entsteht und wie sie sich wieder auflöst.
Diese einzelnen Bewegungen innerhalb der Akkorde bilden gleichzeitig die Grundlage für ein weiteres wichtiges Konzept der Jazzimprovisation: Guide Tones.
Darum geht es in einem der nächsten Expertenartikel.
Weiter geht es im Beitrag Guide Tones: Wie aus Akkorden melodische Linien werden.
Über den Autor
Ulli Jünemann ist Jazzsaxophonist, Komponist und Dipl.-Musiklehrer (B.A.) mit klassischem Saxophon. Er hat einen Master in Jazzsaxophon (Koninklijk Conservatorium Den Haag) und unterrichtet seit über 30 Jahren Saxophon sowie Improvisation, Combo, Gehörbildung und Musiktheorie – in Mainz, Darmstadt und online.
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