Guide Tones: Wie aus Akkorden melodische Linien werden
· 7 Minuten Lesezeit · Von Ulli Jünemann
Dieser Beitrag knüpft an den Artikel Die sieben Akkorde der Durtonleiter – und warum die II–V–I im Jazz so wichtig ist an.
Bisher haben wir Akkorde vor allem als einzelne harmonische Einheiten betrachtet. Wir wissen, aus welchen Tönen sie bestehen, welche Funktion sie haben und wie durch Akkordfolgen Spannung und Auflösung entsteht.
Jetzt ändern wir die Perspektive.
Statt jeden Akkord für sich zu betrachten, suchen wir eine Linie, die durch mehrere Akkorde hindurchführt.
Genau hier beginnen wir mit Guide Tones.
Wie Akkorde aus der Tonleiter entstehen, erklärt der Grundlagenartikel Wie entstehen Akkorde?.
Was sind Guide Tones?
Guide Tones sind Akkordtöne, mit denen wir uns gezielt durch eine Akkordfolge bewegen.
Dabei geht es zunächst nicht darum, möglichst viele Töne zu spielen. Im Gegenteil: Wir reduzieren das Material und versuchen, mit wenigen Tönen die harmonische Bewegung eines Stückes hörbar zu machen.
Eine wichtige Frage lautet:
Welcher Ton des nächsten Akkords liegt möglichst nahe an dem Ton, den ich gerade spiele?
Dadurch entstehen kleine, logische Bewegungen von einem Akkord zum nächsten.
Eine erste Guide-Tone-Linie durch die II–V–I
Nehmen wir unsere bekannte II–V–I-Verbindung in C-Dur:
Dm7 → G7 → Cmaj7
Die Akkordtöne sind:
- Dm7: D – F – A – C
- G7: G – B – D – F
- Cmaj7: C – E – G – B
Wir beginnen auf dem Ton F.
Auf Dm7 ist F die Terz.
Beim Wechsel zu G7 müssen wir diesen Ton überhaupt nicht verändern. F ist auch Bestandteil von G7 – dort übernimmt er allerdings eine andere Funktion: Er ist jetzt die Septime.
Beim Wechsel zu Cmaj7 bewegt sich F schließlich einen Halbton nach unten zum E, der Terz von Cmaj7.
Es entsteht:
- Dm7 → G7 → Cmaj7
- F → F → E
- Terz → Septime → Terz
Obwohl wir nur zwei unterschiedliche Töne gespielt haben, können wir bereits einen wichtigen Teil der harmonischen Bewegung hören.
Das ist die Grundidee.
Ein Ton kann seine Funktion verändern
An diesem einfachen Beispiel lässt sich etwas Wichtiges erkennen:
Ein Ton besitzt nicht von sich aus eine bestimmte harmonische Funktion. Seine Funktion hängt vom jeweiligen Akkord ab.
Das F ist zunächst die Terz von Dm7.
Der gleiche Ton wird anschließend zur Septime von G7.
Erst beim Wechsel zur Tonika bewegt er sich zum E und wird dort zur Terz von Cmaj7.
Wer diese Zusammenhänge versteht und hört, beginnt Akkorde nicht mehr als voneinander getrennte Blöcke wahrzunehmen.
Die Harmonie wird zu einer zusammenhängenden Bewegung.
Warum Terz und Septime so wichtig sind
Für den Einstieg konzentrieren wir uns bei Guide Tones besonders auf Terz und Septime eines Akkords.
Diese Töne machen die harmonische Qualität eines Akkords besonders deutlich und ermöglichen gleichzeitig eine klare Stimmführung.
Dabei versuchen wir, die Stimmen möglichst natürlich weiterzuführen.
Ein Ton kann liegen bleiben oder sich auf möglichst kurzem Weg zu einem wichtigen Ton des nächsten Akkords bewegen.
In unserer II–V–I-Verbindung:
Dm7 → G7 → Cmaj7
entsteht beispielsweise:
- F → F → E
- Terz → Septime → Terz
Das F bleibt zunächst liegen und verändert lediglich seine harmonische Funktion. Anschließend löst sich die Septime von G7 einen Halbton nach unten zur Terz von Cmaj7 auf.
Solche Bewegungen sind wichtig für eine klare Stimmführung.
Wenn wir mehrere Guide-Tone-Linien gleichzeitig betrachten, achten wir außerdem darauf, unnötige Stimmenkreuzungen zu vermeiden.
Deshalb lernen wir zunächst bestimmte Verbindungen und Bewegungsrichtungen kennen.
Diese Regeln sollen unsere spätere Improvisation nicht einschränken. Sie helfen uns zunächst dabei, die innere Stimmführung einer Harmonie zu hören und zu verstehen.
Der kürzeste Weg ist oft der interessanteste
Bei Guide Tones suchen wir zunächst bewusst nach kleinen Bewegungen.
Ein Ton kann liegen bleiben.
Er kann sich einen Halbton bewegen.
Oder einen Ganzton.
Das Ziel ist nicht, möglichst spektakuläre Linien zu konstruieren.
Zunächst wollen wir lernen, die Akkorde miteinander zu verbinden.
Gerade kleine Bewegungen können harmonisch besonders deutlich wirken.
Wir haben bereits gesehen, wie stark die Auflösung
F → E
beim Wechsel von G7 zu Cmaj7 wirkt:
Septime der Dominante → Terz der Tonika
Guide Tones machen solche harmonischen Bewegungen unmittelbar spielbar und hörbar.
Nicht nur spielen – auch singen
Auch diese Übung sollte nicht zu einer Fingerübung werden.
Spiele zunächst die Akkorde auf einem Klavier oder Keyboard, wenn du die Möglichkeit dazu hast.
Dann singe die Guide-Tone-Linie darüber:
F – F – E
Erst danach spielst du sie auf dem Saxophon oder einem anderen Instrument.
Kannst du die Bewegung bereits innerlich hören, bevor du sie spielst?
Das ist wichtiger als Geschwindigkeit.
„Eine gute Guide-Tone-Linie sollte man nicht nur spielen können. Man sollte hören können, wohin sie sich bewegen möchte.“
Mit einem einfachen Play-along üben
Jetzt sollte man das theoretische Beispiel möglichst schnell praktisch ausprobieren.
Nimm ein einfaches II–V–I-Play-along in C-Dur und lass die Akkorde einige Male wiederholen:
Dm7 | G7 | Cmaj7 | Cmaj7
Spiele zunächst ausschließlich:
F | F | E | E
Höre dabei weniger auf deine Finger als auf die Funktion der einzelnen Töne.
Wie verändert sich das F, obwohl du beim Wechsel von Dm7 zu G7 überhaupt keinen neuen Ton spielst?
Wie fühlt sich anschließend der Halbtonschritt F → E an?
Danach kannst du weitere Akkordtöne ausprobieren und eigene Wege durch die Kadenz suchen.
Nicht schneller – sondern bewusster
Ein Play-along ist dafür besonders hilfreich.
Wir müssen uns nicht gleichzeitig um die Begleitung kümmern und können unsere Aufmerksamkeit vollständig auf Klang, Stimmführung und Auflösung richten.
Beginne langsam.
Singe die Linie.
Spiele sie.
Höre sie noch einmal.
Erst wenn du bereits weißt, wie der nächste Ton klingen soll, bevor du ihn spielst, beginnt sich theoretisches Wissen in musikalisches Hören zu verwandeln.
„Guide Tones zeigen uns nicht, wie viele Töne wir spielen können – sondern wohin sich unsere Linie bewegen möchte.“
Der nächste Schritt: durch ein ganzes Stück
Eine II–V–I-Verbindung ist nur der Anfang.
Im nächsten Schritt können wir dieses Prinzip auf die komplette Akkordfolge eines Jazzstandards übertragen.
Statt bei jedem neuen Akkordsymbol neu zu überlegen, welche Skala wir spielen könnten, stellen wir zunächst eine viel einfachere Frage:
Welcher Akkordton führt mich möglichst logisch in den nächsten Akkord?
So entsteht nach und nach eine Linie durch das gesamte Stück.
Wir beginnen die Harmonie nicht nur vertikal als einzelne Akkorde zu verstehen, sondern horizontal als zusammenhängende Bewegung zu hören.
Und genau hier wird das Konzept für die Improvisation besonders interessant.
Denn wenn wir wissen, wohin unsere Linie führen soll, können wir anschließend anfangen, den Weg zu diesem Zielton musikalisch auszugestalten.
Chromatische Annäherungen, Approach Notes und Enclosures bekommen dann eine klare Aufgabe:
Sie sind nicht einfach zusätzliche „jazzy“ Töne.
Sie führen zu einem Ziel.
Über den Autor
Ulli Jünemann ist Jazzsaxophonist, Komponist und Dipl.-Musiklehrer (B.A.) mit klassischem Saxophon. Er hat einen Master in Jazzsaxophon (Koninklijk Conservatorium Den Haag) und unterrichtet seit über 30 Jahren Saxophon sowie Improvisation, Combo, Gehörbildung und Musiktheorie – in Mainz, Darmstadt und online.
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